„Wir werden nicht schweigen“
- 18.06.2026 -
Auch Matthias berichtete von seinen Erfahrungen als Sohn eines Alkoholikers und später selbst alkoholabhängiger Mensch. Über viele Jahre habe sich sein Alltag nach den Stimmungen und dem Konsumverhalten in der Familie gerichtet. „Alkohol verändert Menschen und ihr gesamtes Umfeld“, machte er deutlich.
Filmabend zur Aktionswoche Alkohol macht Folgen von Sucht sichtbar
Ein vollbesetztes Kino, bewegende persönliche Geschichten und ein intensiver Austausch: Im Rahmen der Aktionswoche Alkohol zeigten die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft Suchtberatung, die Fachstelle Sucht und die Stadt Mannheim im Cinema Quadrat den Film „22 Bahnen“ von Regisseurin Mia Maariel Meyer. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur die Folgen von Alkoholsucht für Betroffene, sondern insbesondere die Auswirkungen auf Familien und Kinder. Der Film erzählt die Geschichte der Schwestern Tilda und Ida, die mit ihrer alkoholkranken Mutter aufwachsen und täglich mit Unberechenbarkeit, Verantwortung und Überforderung konfrontiert sind. Ein Thema, das geladene Betroffene und ehemals Alkoholabhängige und deren Angehörige im anschließenden Podiumsgespräch aus eigener Erfahrung kannten.
„Hochkonsumland Deutschland“
„Ich war lange der Überzeugung, dass sich Eltern am Abend zu Monstern verwandeln.“ Im vollbesetzten Kinosaal wird es still, als Leonie von ihrer Kindheit erzählt. Als Tochter ehemals alkoholabhängiger Eltern kennt sie die Erfahrungen der Filmfiguren Tilda und Ida aus eigener Anschauung. Viele Jahre habe sie erlebt, wie die Krankheit das Familienleben bestimmte. Heute kann sie darüber sprechen: „Meine Eltern waren nicht mehr sie selbst.“
Auch Matthias berichtete von seinen Erfahrungen als Sohn eines Alkoholikers und später selbst alkoholabhängiger Mensch. Über viele Jahre habe sich sein Alltag nach den Stimmungen und dem Konsumverhalten in der Familie gerichtet. „Alkohol verändert Menschen und ihr gesamtes Umfeld“, machte er deutlich.
In seinem Grußwort machte Bürgermeister Dirk Grunert auf die gesellschaftliche Dimension des Alkoholkonsums aufmerksam. Deutschland gehöre mit einem Pro-Kopf-Konsum von 10,6 Litern Reinalkohol jährlich zu den Hochkonsumländern Europas. Alkoholkonsum verursache nicht nur erhebliche gesundheitliche Schäden, sondern sei auch für rund 44.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. „Hinter diesen Zahlen stehen Menschen und ihre Schicksale“, betonte Grunert.
Beate Dörflinger von der Suchtberatungsstelle von Diakonie und Caritas unterstrich, dass Suchterkrankungen niemals nur die Betroffenen selbst träfen. „Suchtverhalten belastet Familien und soziale Beziehungen oft über viele Jahre hinweg. Der erste Schritt in eine Beratung kostet viele Menschen großen Mut.“
Barbara Seiler von Kisiko – ein vom Caritasverband Mannheim initiiertes Angebot für suchtbelastete Familien – lenkte den Blick auf die Situation von Kindern. Häufig gebe es keine offensichtlichen Warnsignale. Stattdessen übernähmen Kinder Verantwortung für die Familie, passten sich übermäßig an oder entwickelten Schuldgefühle und große Wut. „Kinder versuchen oft, das System Familie zusammenzuhalten. Gerade deshalb müssen Erwachsene genau hinschauen“, sagte Seiler.
Alkohol ist alltäglich, der Film zeigt die Folgen in einer Familie
Ein weiterer Betroffener schilderte, wie selbstverständlich Alkohol in vielen Lebensbereichen präsent sei: „Lange habe ich geglaubt, es sei normal, immer wieder Alkohol zu trinken. Alkohol wird bei nahezu jedem Anlass angeboten. Es ist schwer, ihm aus dem Weg zu gehen.“ Auch Joachim, der viele Jahre alkoholabhängig war, berichtete offen von seinem Weg aus der Sucht: „Es beginnt oft harmlos – ein Glas hier, ein Glas da. Irgendwann merkt man, dass man ohne Alkohol nicht mehr kann. Die Unterstützung durch Freunde, Familie und professionelle Hilfe war für mich entscheidend.“
Fokus auf Alkoholprävention
Für das Aktionsbündnis zeigen die Erfahrungen der Betroffenen deutlich, dass Alkohol in Deutschland noch immer zu oft verharmlost wird. Während die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgekosten enorm sind, fehlen vielerorts ausreichende Präventions- und Unterstützungsangebote. Das Bündnis fordert deshalb einen stärkeren politischen Fokus auf Alkoholprävention, den Ausbau von Beratungsangeboten sowie eine bessere Unterstützung von Kindern und Angehörigen suchtkranker Menschen. Wer über Alkohol spricht, müsse auch über die Folgen für Familien und die Verantwortung der Gesellschaft sprechen.
Kontakt
Ökumenische Arbeitsgemeinschaft Suchtberatung, D7, 5, 68159 Mannheim, Telefon: (0621) 1 25 06-130, E-Mail: suchtberatung@cv-dw-mannheim.de.
Die Veranstaltung wurde von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Suchtberatung, der Fachstelle Sucht sowie der Stadt Mannheim organisiert.
Die Veranstaltung wurde von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Suchtberatung, der Fachstelle Sucht sowie der Stadt Mannheim organisiert.
Foto DW/Lammer: (v.l.n.r.) Beate Dörflinger, Annette Müller, Dr. Timo Kläser, Tracy Kern, Alisa Haas und Carolin Käser vom Aktionsbündnis auf der Dachterrasse des Cinema Quadrat.
